SCHWÄBISCHE: Dürfen hier nur Millionäre wohnen? Ungewöhnliches Seniorenwohnheim gewährt Einblicke

Kleine Zimmer, wenig Personal, kaum Freiheiten: Seniorenheime haben oft einen schlechten Ruf. In Neu-Ulm hat nun ein Luxus-Wohnheim eröffnet, das vieles anders machen will. Was ist dran am Versprechen vom „schönen Leben“? Ein Ortsbesuch.
 
Ein Wohnangebot nur für superreiche Senioren? Kip Sloane kennt die Vorurteile. Aber stimmen sie auch? Der Geschäftsführer bietet dem Gast einen Rundgang durch das neue Senioren-Wohnheim in Neu-Ulm an. Vorbei an vergoldeten Spiegeln, bodentiefen Fenstern, an einem Clubraum und einer Bibliothek, durch lange, lichtdurchflutete Flure mit dunklen Böden. Bis hinauf in die siebte Etage zum neuen Restaurant mit Rooftop-Terrasse und Münsterblick. Und zurück ins Erdgeschoss zu den Fitnessräumen und einem Physiotherapeuten. Statt nach Desinfektionsmitteln und Krankenhaus riecht es im ganzen Haus nach Holz, Neubau und Luxushotel.
 
Wenn sie das Wort „Altenwohnheim“ hört, bekomme sie „schon Puls“, sagt die Hausleitung Petra Schwandt scherzhaft. „Exklusives Service-Wohnen“ passe besser. Die Atmosphäre solle einem „schön geführten Hotel“ entsprechen. Wenn da nur die Vorurteile nicht wären.
 

„Ghetto der alten Reichen“

Wenn Geschäftsführer Kip Sloane etwa in Gemeinderatssitzungen zum ersten Mal von Neubauplänen berichtet, hört er immer wieder Kritik: Das Wohnangebot sei ein „Ghetto der alten Reichen“. Und: Damit lasse sich der Pflegenotstand auch nicht lösen. Fast könnte man die Wohnheime von „Schönes Leben“ als provokantes Luxusprojekt verstehen. Weil sie das bisherige System von betreutem Wohnen und Alterspflege infrage stellen. Das macht das Konzept spannend und fragwürdig zugleich: Wird vernünftige Pflege und Wohnen im Alter künftig zum Privileg der Reichen?

"Wir möchten kein Angebot nur für Millionäre und Superreiche bieten, sondern für den Mittelstand, der sein Leben lang gearbeitet hat." - Kip Sloane
Kip Sloane holt kurz Luft und spricht dann von einem „Missverständnis“. „Wir möchten kein Angebot nur für Millionäre und Superreiche bieten, sondern für den Mittelstand, der sein Leben lang gearbeitet hat.“ Während des gesamten Berufslebens akzeptiere die Gesellschaft soziale Unterschiede. „Nur im Alter sollen dann alle gleich sein?“ Und mehr noch: Die Einrichtungen entwickelten sich häufig zu kleinen Quartierszentren mit einem öffentlichen Restaurant, Nachbarschaftsfesten und einem ambulanten Pflegedienst. Die Mittagsmenüs sollen für alle bezahlbar sein, die Wohnplätze stehen grundsätzlich allen Interessierten offen.
 

Soviel kostet das Angebot

Und doch dürfte der Preis manche Interessierte abschrecken: Bewohner zahlen zwischen 2.000 und 4.300 Euro Warmmiete für Zimmer mit 53 bis 94 Quadratmetern Wohnfläche und mehrere Essens- und Serviceleistungen - das deutlich mehr als der durchschnittliche Mietspiegel. Die Firma wirbt aber auch mit zahlreichen Aktivitäten wie Vorträgen, Lesungen, Modenschauen, Kunstausstellungen, Yogaklassen, Gymnastikangeboten, Weinproben, Musikabenden, Kinovorstellungen und Theaterbesuchen.

„Manche Mieter sind kaum auf Unterstützung angewiesen“, erzählt Geschäftsführer Kip Sloane. Viele aber suchten nach einem Weg aus der Einsamkeit und finden die Gemeinschaft im Wohnheim. Und dann gebe es Paare, bei denen ein Partner noch fit ist, der andere aber bereits auf Unterstützung angewiesen ist. Auch hier könne „Schönes Leben“ mehr Freiräume für beide Partner ermöglichen.

Als Haus und Garten zu groß wurden

Selbst Menschen mit hohem Pflegegrad vier oder fünf können in der Einrichtung versorgt werden, die Pflegeversicherung erkennt das Angebot an. Bedürftige erhalten dementsprechend auch Geld aus der Pflegekasse. Viele Bewohner kämen aber bereits in die Einrichtung, bevor sie pflegebedürftig werden, erzählt Kip Sloane. „Sie geben dann viele Sorgen und Probleme aus ihrem früheren Zuhause mit dem Einzug hier an der Haustür ab“, sagt er.

So ähnlich ging es auch Karin Helgert. Ihr Mann verstarb bereits vor 25 Jahren, die Tochter wohnt in Ostfriesland. Die 81-jährige Seniorin besaß früher ein großes Haus mit Garten. „Aber das wurde mir am Ende alles zu viel“, erzählt sie. Sie schaute sich mehrere Wohnheime an. Die meisten verließ sie mit ungutem Gefühl. „In den kleinen Zimmern hab ich mich eingesperrt gefühlt, ich war ja ein großes Haus gewohnt.“

Wohnheim wird zur Endstation

Die Tochter riet ihr, nach Ostfriesland umzuziehen. „Aber ich wollte sie nicht belasten und dort kannte ich niemanden.“ Karin Helgert rechnete und überlegte. Sie verkaufte ihr Haus und zog im April bei „Schönes Leben“ ein. „Ich fühle mich wohl hier und habe es nicht bereut“, erzählt sie. Die Einrichtung werde wohl ihre „Endstation“ sein, sagt sie mit Zufriedenheit in der Stimme.

Es sei wichtig, das Thema Leben im Alter aus der Tabuzone zu holen, findet Kip Sloane. Der Familienvater zieht einen ungewöhnlichen Vergleich: Wenn er sich mit anderen Eltern über den turbulenten Alltag mit kleinen Kindern unterhalte, sorge das oft für Erheiterung. Selbst Themen wie volle Windeln und Stuhlgang würden dabei nicht ausgespart. Inkontinenz bei Senioren sei dagegen immer noch ein Tabuthema. „Wir können aber doch nicht mit einem Dauerangstzustand in der Gesellschaft leben.“

Kaputtes System wird zur Herausforderung

Sloane glaubt, dass die Angst vor dem Leben im Alter auch mit dem schlechten Ruf vieler Altersheime zu tun hat. Er hat bereits in mehreren Einrichtungen gearbeitet. „Viele Akteure leisten noch immer gute Arbeit, aber das System ist kaputt“, konstatiert er. Das zeige sich auch an der Verweildauer älterer Menschen. Die meisten Senioren ziehen erst in den letzten Lebensjahren in ein Wohnheim und treffen dann auf den Pflegenotstand und Fachkräftemangel.

Eine Pflegereform sei dringend notwendig, findet Kip Sloane. Wenn ältere Menschen in der Lage seien, etwas mehr aus eigener Tasche für das Wohnen im Alter zu bezahlen, sei es aber möglich, ein besseres Angebot zu schaffen. Je nach Pflegegrad und finanzieller Unterstützung aus der Pflegeversicherung sei der preisliche Unterschied zwischen dem „Exklusiven Service-Wohnen“ und anderen Wohnheimen sogar relativ gering.

So will die Firma weiter wachsen

Einrichtungen von „Schönes Leben“ gibt es bisher an sieben Standorten. Allein in Neu-Ulm bietet die Firma mehr als 70 Wohnungen an, noch gibt es freie Zimmer, betont Kip Sloane. Doch die Erfahrung aus anderen Städten zeigt: Die Nachfrage ist hoch nach dem gehobenen Wohnen. Und Sloane erzählt: Wir gehen davon aus, dass unsere Firmengruppe massiv wachsen wird. Im Bestfall wolle „Schönes Leben“ in den 30 größten Städten Deutschlands im nächsten Jahrzehnt eine Einrichtung eröffnen. Er ist überzeugt, dass seine Firmengruppe mit dem Angebot einen echten Nerv getroffen hat.

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